Sonnenfinsternis vom 11.08.1999 in Ungarn

Nach 27 Jahre des Wartens auf dieses Großereignis, war es nun endlich so weit. Am 07.08 um 18.30 Uhr starteten wir mit einem Wohnmobil bei schlechtem Wetter, Richtung Sonnenfinsternis.
Zu diesem Zeitpunkt war der Ort, wo wir die Sonnenfinsternis beobachten wollten, noch völlig unklar. Ich wollte auf jeden Fall die Stelle anfahren, die ich vor 27 Jahren  vor meinem geistigen Auge gesehen habe.
“ Ich werde mit meiner Frau und meinen Sohn am Ufer der Donau die Sonnenfinsternis sehen. Es wird ein schöner warmer Tag nach einem Unwetter.” Dies sagte ich  1972 vor mehreren Freunden in Vechta, als ich von mein Freund Pit T. erfuhr, das es eine Sonnenfinsternis am Ende des Jahrtausends geben wird. Er erzählte mir, dass die Zentrallinie die Donau zweimal überschreiten wird. Zuerst in Deutschland und dann noch mal in Ungarn. Welchen der beiden Orte ich anfahren werde war mir nicht klar. Ich hoffte, das es Deutschland sein wird, denn erstens ist der Anfahrtsweg wesentlich kürzer und ich brauchte auch nicht durch den “Eisernen Vorhang” fahren. 1972 war der kalte Krieg  noch auf dem Höhepunkt, sodass eine Reise nach Ungarn kaum vorstellbar war.  Aber bis 2000 werden die Grenzen sicherlich noch fallen, sagte ich.   Auch Hansi B. war davon überzeugt, das es Ungarn sein wird.

Die Jahre vergingen und ich wohnte mittlerweile in Engter-Bramsche. War verheiratet und hatte einen Sohn. Der eiserne Vorhang fiel und der Tag rückte immer näher. Mit jeder Mondfinsternis kam die Erinnerung wieder hoch, das es bald soweit seien wird. Und so nervte ich meinen damals noch kleinen Sohn Moritz damit, dass wir in ein paar Jahren eine Sonnenfinsternis sehen werden und wir eine lange Reise machen. Als Antwort kam immer: “Papa du nervst”, denn er konnte sich nichts darunter vorstellen. Am 21.02.1989 fand die Mondfinsternis im übrigen fast exakt an der gleichen Stelle am Himmel (im Löwen) statt.

Mondfinsternis mit Jupiter
08.10.1987

Im Sommer 98 fand er in eines seiner Kinderzeitschriften einen Bericht über eine Sonnenfinsternis. Jetzt endlich wurde auch ihm klar, das es langsam ernst wird, zumal wir dann noch im Januar 99 ein Wohnmobil für den August mieteten. 21.01.1999 letzte Mondfinsternis im Krebs, als Einstimmung.

Da die Sonnenfinsternis im August stattfinden sollte, war die Chance auf schönes Wetter groß, erst recht in Ungarn. Trotzdem begann ich Jahre vorher  die Zugbahnen der Tiefdruckgebiete zu “studieren”, um nicht böse überrascht zu werden.
Um die Sonnenfinsternis in Deutschland zu beobachten, hätten wir sogar die Möglichkeit gehabt, nicht weit weg bei einen Bekannten zu wohnen.  So gingen wir eigentlich von dieser Variante aus.

 

Als der August immer näher rückte, wurde das Wetter beständig unbe- ständiger.  Die Großwetterlage war auf wechselhaftes Tiefdruckwetter eingestellt. Ein Tief jagte das Nächste. So eine Wetterlage im Juli ist sehr stabil und hält dann auch bis Mitte August.
Alles studieren der Satellitenfotos nützte nichts. Es wird ein Roulette- spiel am 11.08.99

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Deutlich ist über Mitteleuropa die  starke Bewölkung zu sehen und über Ungarn sieht man die Gewitterfront nach Osten abziehen. Satellitenfoto vom 11.08.1999 12 Uhr

Ich hatte mir drei Routen ausgeguckt:

1. die westliche Route: Sie führte mich Richtung Nordfrankreich um dann, die Zentrallinie entlang, Richtung Rhein auf  Raststatt zu zufahren.

2. die mittlere Route: Sie führte mich gleich zum Rhein, um dann die Zentrallinie entlang zur Donau zu fahren.

3. die östliche Route: Sie führte nach Passau um von dort entweder Richtung Westen zur Donauüberquerung zu fahren, oder halt nach Ungarn
.

Totalitätsstreifen über Süddeutschland

Die erste Route war eigentlich eine absolute Notlösung.  Nur wenn die Wetterlage eine andere Lösung nicht zuließ - Tiefduckgebiet wandert über die Adria Richtung Alpen mit Ziel Polen (5B) -  wären wir diese gefahren. Eine solche Wetterlage erzeugt im Sommer mächtige Regentiefs, die unter anderem die Hochwasserkatastrophen von Oder und Elbe verursachten.
Da wir eine stabile Westströmung hatten, war die erste Variante kein Thema, zumal ich dann auch nicht mehr am Ufer der Donau  gestanden hätte. Die zweite Route war auch angesichts des Wetters sehr gefährlich.
Also, entschloss ich mich, die “sichere” östliche Route zu wählen. Für Annelie und Moritz fuhren wir immer noch zu unseren Bekannten nach Donauwörth.

Bis zur letzt war ich unschlüssig, ob ich überhaupt einen Fotoapparat mitnehmen sollte. Die Gefahr, sich zu sehr mit dem Fotografieren zu beschäftigen, war doch recht groß.

Letzte Aufnahme am Abend vor der Abfahrt. Die Kamera wurde dazu fest auf dem Spektiv justiert. Dadurch konnte ich leider bis zur Sonnenfinsternis keine Bilder mehr aufnehmen.

Als Kompromiss hatte ich mir fest vorgenommen, nicht mehr als 1 Minute zum Fotografieren zu verwenden, damit ich die restliche Minute genießen konnte.

Und so starteten wir am späten Samstag nachmittag Richtung Kassel. Kaum im Auto da spürte man wie nutzlos all die Satellitenbilder und Wetterkarten jetzt, wo es ernst wird doch waren, denn für die nächsten  vier Tage war man fast ohne jede Information.

Zweiter Tag Sonntag 08.08 und noch 3 Tage

Nachdem wir nachts auf einer Autobahnraststätte nördlich vor Würzburg übernachtet hatten, fuhren wir weiter Richtung Regensburg. Dort entschlossen wir uns kurzfristig zu einen Abstecher zum Donaudurchbruch bei Kehlheim und dem Besuch des Klosters Weltenburg. Die Asambrüder hatten dort am 12.05.1706 eine Finsternis beobachtet und das Ereignis als Altarbild verewigt. Nach einer herrlichen Bootsfahrt durch den Durchbruch fuhren wir entspannt bis zu unserm “Beobachtungsplatz”, einem Campingplatz nördlich von Passau.

Das Altarbild des heiligen Benedikt

Zum Glück konnten wir unsere Fahrräder mitnehmen und so fuhr ich am späten Nachmittag vom Campingplatz aus zur Donau, um ein Stück auf dem berühmten Fernfahrradweg zu fahren. Nachts um 0.30 erreichte ich die Spitze des Dreiecks wo die Drei Flüsse: Donau, Inn und Ilz sich treffen. Auf der Parkbank am Ende des Dreiecks saß ich  und fragte die Donau: was soll ich denn nun machen? wo soll ich denn nun stehen? In Deutschland oder in Ungarn? Sie antwortete: fahr nach Ungarn. Ich schaute mir noch diese herrliche Stadt bei Nacht an und fuhr danach zufrieden zum Campingplatz. Ein Problem hatte ich noch. Wie erkläre ich meiner Familie, das wir nun doch nach Ungarn fahren.

Dritter Tag Montag 09.08 und noch 2 Tage

Am nächsten Morgen musste ich mir erst mal eine Tageszeitung besorgen. Welche Zeitung woll´ns denn? Egal, Hauptsache sie hat eine gute Wetterkarte! Eine gute Wetterkarte ist längst nicht in jeder Zeitung Standart. Ich suchte mir also die Beste aus und ging zurück um meine Familie auf das große Abenteuer vorzubereiten. Beim Frühstück stellte ich zu meiner Überraschung fest, das mein Sohn am liebsten weiter nach Ungarn fahren möchte. Er hatte auf dem Campingplatz ein Mädchen kennen gelernt, das auf dem Weg zum Plattensee war. Etwas “widerstrebend” stimmte ich diese Idee zu. Man muss wissen, das ich bis exakt zur Sonnenfinsternis das alleinige Bestimmungsrecht hatte, wann, wo und wie wir fahren. Meine Familie wollte auf keinen Fall in die Situation geraten, womöglich schuld am Scheitern der Beobachtung zu sein. Erst nach der Sonnenfinsternis hatte ich nichts mehr zu sagen und Sie durften bestimmen, wo es hingeht und was gemacht werden soll.
Wir füllten als unerfahrende Wohnmobilfahrer noch den Wassertank randvoll um über Wien nach Ungarn zu fahren. An jedem Berg wurde uns dieser Fehler wieder bewusst. Auf der Höhe Wiens, las ich die Geschichte von Adalbert Stifter über sein Erlebnis von der Sonnenfinsternis vom 08.07.1842 in Wien.
Kaum hatten wir die Alpen überquert änderte sich das Wetter schlagartig. Gleich hinter der Grenze kaufte ich mir eine Straßenkarte von Ungarn, denn in Deutschland bekam man immer nur Karten die leider nicht genau genug waren. Ich brauchte aber eine Karte die auch untergeordnete Wege darstellte, um so möglichst auch Wege innerhalb der Zentrallinie zur Donau zu finden. Eine solche Karte hatten sie zum Glück. Dort auf der Raststätte merkte man erst wie heiß es war. Es waren über 30 Grad und der Himmel war völlig milchig. Die Sonne schaffte es aber noch durch diese Suppe hindurch zu scheinen.
Wir fuhren weiter zu einem Campingplatz an einem kleinen See zwischen den Plattensee und Budapest (Valence). Am späten Nachmittag waren wir dort und konnte nun alles ganz ruhig angehen lassen. Wir hatten nun genügend Zeit, denn unser eigentliches Ziel war keine 100 Km mehr entfernt. Der Platz war am äußersten nördlichen Rand des Totalitätsstreifens, sodass wir von dort für allerdings nur paar Sekunden die Sonnenfinsternis hätten sehen können.

Vierter Tag Dienstag 10.08 und noch 1 Tag

Am diesem Tag wurde das Auto zum ersten mal nicht einen Meter bewegt.  Es war schwül heiß und man verbrachte den Tag mit schwimmen in dem extrem warmen Wasser das wohl 30 Grad hatte und dazu auch noch trüb war. Moritz quälte sich mit einer fürchterlichen  Magenverstimmung und konnte diesen Ruhetag überhaupt nicht nutzen.  Gegen Abend schaute ich mir mit dem Fahrrad die Gegend etwas an. Ich nahm mir fest vor am morgigen Mittwoch sehr früh aufzustehen um mir den Sonnenaufgang anzuschauen. Ein würdiger Auftakt für diesen besonderen Tag.

Fünfter Tag Mittwoch 11.08 jetzt ist der Tag endlich gekommen

Mit dem frühen Aufstehen wurde nichts, denn der Rotwein am Abend vorher hatte seine Wirkung nicht verfehlt.
Statt dessen wurden wir von einem lauten Knall um 6 Uhr geweckt. Vor Schreck knallte ich fast mit dem Kopf gegen den Alkoven. Das Wohnmobil schaukelte und als ich gerade aus dem Fenster schaute, flog das Vorzelt des Nachbarn weg. Annelie schaute mich voller Entsetzen und ängstlich an. Man sah in ihren Augen, das sie förmlich damit rechnete, das ich jetzt wohl gleich ausflippen werde. 27 Jahren auf diesen Tag gewartet, über 1400 km gefahren, eine Menge Geld ausgegeben und nun doch alles umsonst?  “Jetzt wird erst mal der Himmel geputzt, denn immer wenn ein großes Ereignis bevor steht, macht man vorher seine Bude sauber” sagte ich ganz cool. Noch schnell ein Paar Aufnahmen mit der Videokamera und danach gemütlich Frühstücken. Das Unwetter war mittlerweile vorbei, aber der Himmel war immer noch total bedeckt. Beim verlassen des Campingplatzes um rund 9 Uhr musste man ein Stück bergauf fahren, sodass man von dort den See überblicken konnte. Tief unten in Richtung Südwesten sah man deutlich eine scharfe Wolkengrenze und der stahlblaue Himmel wurde sichtbar. Wir aber fuhren Richtung Südosten und damit mit den abziehenden Wolken mit.

Unsere Karte führte uns sicher zur Donau, auf einem  stillgelegten Weg der eins eine kleine Fähre bediente. Diese Straße, die auf Höhe von Madocsa nördlich von Paks liegt, war gerade so breit wie das Wohnmobil und Annelie - die im übrigen die gesamte Strecke gefahren war - konnte es kaum fassen wohin ich sie loste. Der Weg führte frontal gegen die Donau. Der Fähranleger war verweist und rostete vor sich

hin und so bekam die ganze Zehnarie einen Hauch von Siddhartha. Es war erst 10.30 Uhr als wir ankamen, sodass wir in Ruhe uns ein Plätzchen direkt am Wasser suchen konnten. Die Sonne schien schon und nur ein Paar Restwolken zogen über uns hinweg.

Obwohl wir am Ende der Welt zu seien schienen, füllte sich das Ufer im Laufe des Vormittags mit rund 50 Menschen. Sie alle waren eindeutig wegen der Sonnenfinsternis hier und viele hatten eine exotisch anmutende Sonnen- schutzbrille mit. Man konnte meinen das sie diese aus einer Zeitschrift heraus geschnitten hatten. Einige zelteten auf der oberhalb liegender Wiese, darunter auch eine Gruppe junger Leute aus Berlin.

Am Ufer nach der Sonnenfinsternis.
Der Musikdampfer fährt wieder zurück nach Budapest. Auf gleicher Höhe sieht man links die Halterung des alten Fähranlegers.

Um 11.30 begann die Finsternis.

11.58 Uhr Schrecksekunde, denn es bildeten sich Quellwolken die sich aber schnell verzogen.
12.13 Uhr ein Frachtschiff fährt die Donau stromaufwärts mit Namen Hamburg. In dieser Stadt findet am 07.10.2135 eine Sonnenfinsternis statt.
Die vielen Kinder spielten immer noch vergnügt am Ufer und keiner hat so recht die schon weit fortgeschrittene Bedeckung wahrgenommen.
12.31 Uhr über die Hälfte ist bedeckt. Ein Musikdampfer kommt von Budapest und ankert etwas abseits stromabwärts. Gott sei Dank macht er auch sofort die Musik aus. Die Vögel im Ufergestrüpp singen noch.

Leider habe ich ab jetzt nichts mehr aufgeschrieben und so habe ich auch keine genaue Uhrzeit mehr. Es dauerte nicht mehr langer und plötzlich war links von der Sonne die Venus zusehen. Einige Minuten später zeigte sich dann auch der Merkur auf der rechten Seite. Er war viel näher an der Sonne als Venus. Jetzt merkten auch die anderen Zuschauer, das es gleich losgehen wird.
Man spürte das es kälter wurde und die Vögel hörten auf zu singen.
Um 12.50 Uhr, ein leichter Wind kam auf und die Sonnenstrahlen waren schwach wie bei einem Untergang. Dann war sie plötzlich weg. Ein Schwarzer Kreis mit einer herrlichen weißen Korona. Deutlich waren sogar die roten Protuberanzen (Gasausbrüche) zu sehen. Es wurde richtig kühl und das Streulicht der Sonne verzauberte alles. Am liebsten wäre ich in diesem fremdartigen Licht spazieren gegangen. Es erzeugte ein Gefühl, wie  im Winter bei Schnee und Vollmond. Schade das ich erst jetzt ( 2004) diese Zeilen schreibe, sodass die Erinnerungen doch schon weit zurück liegen.  Ich kann aber versichern, das diese knappen 2,5 Min das Größte und Eindrucksvollste war, was ich bis jetzt je gesehen habe. Hoffentlich gelingt es mir,  die nächste Sonnenfinsternis am 29.03.06 in Antalya - Side Türkei
zum Reisebericht  zu sehen.

Die Korona

Deutlich sind die Protuberanzen zu sehen

Der rund 260km breite Kernschatten hat eine Geschindigkeit von 2040km/h.

Nach diesem wunderschönen Tag sind wir wieder zu unserem alten Campingplatz zurück gefahren. Gegen Abend nahm ich das Fahrrad um zu einen  allein stehenden Berg zu fahren der sich nördlich befand. Er ist wie eine Miniarturausgabe des Kaiserstuhls und auch seine Hänge sind mit Wein bepflanzt. Nur die Kuppe hatte noch eine ursprüngliche Vegetation. Oben angekommen hatte man einen phantastischen rundum Blick und ich genoss von dort einen herrlichen Sonnenuntergang.
Am nächsten Tag bestimmte meine Familie wohin es nun gehen sollte, und so schauten wir uns noch einiges an, bevor wir am Samstag den 14.08. wieder zu Hause angekommen waren. Sofort nach der Sonnenfinsternis war im übrigen, die schweren Magenverstimmung von Moritz verschwunden.

Ich möchte mich hier nochmals besonders bei Annelie bedanken, die die 3500 Km fast alleine gefahren ist und dieses unter oft extremen abenteuerlichen Bedingungen, als würde sie nie etwas anderes machen.

Während die Sonnenfinsternis im Fernseher läuft, scheint der Verursacher, der Vollmond durch das Wohnzimmerfenster.
Ohne Blitz vom Sofa aus Fotografiert.

Mondfinsternis vom 17.10.1986 im Fisch

 Höhepunkt der Bedeckung 4- Fach belichtet.

Die letzten Phasen der Finsternis 6- Fach belichtet.

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